Bau
Das Kanonenboot Ersatz "Tiger" lief am 18.09.1878 in Danzig vom Stapel. Es wurde von Kapitän zur See Livonius,
dem Oberwerftdirektor, auf den Namen "Iltis" getauft. "Iltis" war das Typschiff der gleichnamigen Klasse. Nach
Verzögerungen während des Baus, wurde das noch unfertige Boot im Frühjahr 1880 nach Kiel überführt und erhielt dort
seine Armierung. Im Anschluss verlegte es nach Wilhelmshaven, dem neuen Heimathafen.
Am 01.07.1880 wurde es in Dienst gestellt.
Die erste Reise nach Ostasien
Schon zwei Wochen später verließ "Iltis" den Heimathafen. Es sollte "S.M.S. Cyclop" auf der ostasiatischen
Station ablösen. Auf der langen Reise führte das Boot nach Plymouth, Gibraltar, Port Said, dann durchs Rote Meer
nach Aden. Von hieraus steuerte das Boot dann ohne weiteren Zwischenstop das Ziel an. Am 06.10.1880, nach über
zweimonatiger Fahrt, ging "Iltis" in Hongkong vor Anker, von wo aus das Boot in der Folge seine Fahrten starten
sollte. Honkong war zu dieser Zeit bereits Hauptstützpunkt der britischen Flotte in ostasiatischen Gewässern.
Die ersten Jahre des Stationsdienstes verliefen ohne nennenswerte Vorkommnisse. Lediglich im November 1882 musste
"Iltis" einmal ins Dock gehen, da der Fockmast über Bord gegangen war.
Am 01.08.1885 trat mit KptLt Hofmeier der dritte Kommandant seinen Dienst an. Schon bald darauf sollte dieser
eine bedeutsame Aufgabe bekommen. Es handelte sich um den Auftrag die Karolinen für Deutschland zu sichern. Die
Inselgruppe war im 17. Jahrhundert in spanischem Besitz und erhielt zu Ehren des damaligen Königs ihren Namen. Im
Jahre 1731 gaben die Spanier die Inselgruppe jedoch wieder auf, da alle Versuche die Bevölkerung zum Christentum zu
bekehren fehlgeschlagen waren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fasste die "Deutsche Handels und
Plantagengesellschaft der Südsee" hier Fuß. Im Jahre 1875 erhob plötzlich Spanien wieder Besitzansprüche. Nach
einigen Jahren der Unklarheit über die Besitzverhältnisse erhielt der Kommandant des "Iltis" am 05.08.1885 in
Schanghai den Befehl durch Hissung der deutschen Flagge auf den Karolinen die Spanier vor vollendete Tatsachen zu
stellen.
Sofort brach das Kanonenboot auf. Zu nächst wurde südwärts gedampft, um in Hongkong noch einmal Kohlen zu nehmen.
Bereits am 12.08.1885 verließ "Iltis" wieder den Hafen, um seinen Ziel entgegen zu eilen. Auf der Reise erfuhr der
Kommandant, daß zu gleichem Zwecke bereits zwei spanische Schiffe unterwegs waren. Demnach war nun besondere Eile
geboten. Der "Iltis" erreichte am 25.08.1885 Yap-Gruppe, welche zu den West-Karolinen gehört. Noch am selben Abend
hisste die Landungskompanie unter Führung von KptLt Hofmeier die schwarz-weiß-rote Fahne und Hofmeier proklamierte
die Schutzherrschaft des Deutschen Reiches über die Karolinen. Die Inselgruppe umfasste eine Fläche von ca. 1450 qkm
und hatte eine Bevölkerung von ca. 36.000, meist Mikronesen.
Die Tat erregte bei den Spaniern einiges Ärgernis, so daß es hierrüber beinahen zum Krieg gekommen wäre. Die
Angelegenheit wurde jedoch dem Schiedsgericht des Papstes überlassen. Am 22.10.1885 tat Leo der XIII folgenden
Spruch: Die Herrschaft über die Karolinen erhielt Spanien. Deutschland erhielt die Freiheit des Handels, der
Schiffahrt, des Fischfanges sowie Plantagen anzulegen.
Bereist 1890, nach dem Kriege Spanien mit den Vereinigten Staaten, in dem es um Kuba ging, verkaufte Spanien nun
die Inselgruppe an Deutschland.
Am 17.04.1886, nach fast sechs Jahren Stationsdienst, trat "Iltis" die Heimreise an. Eine größere Überholung, die
nur in der Heimat ausgeführt werden konnte, war nötig geworden. "Iltis" wurde vom Kanonenboot "Wolf" abgelöst. Der
Rückweg führte Schiff über Java, wo in Batavia während eines viertägigen Aufenthaltes die Vorräte aufgefüllt wurden.
Am 13.Mai ging es weiter in Richtung Aden. Auf der Reise passierte man den erst 1883 verheerend ausgebrochenen
Vulkan Krakatoa. Da der "Iltis" nicht in der Lage war schneller als 10 Knoten zu laufen, erreichte man nach 32 Tagen
die Reede von Aden. Die weitere Fahrt führte nach Malta. Hier musste man bis zum 27.Juli in Quarantäne gehen, da
beim Übergang von der Hitze im Roten Meer in das kühlere Mittelmeer viele Besatzungsangehörige erkrankt waren. Nach
weiteren Versorgungsaufenthalten in Philippeville an der algerischen Küste, Gibraltar und Plymouth traf "Iltis" am
26.August 1886 auf der Reede von Wilhelmshaven ein.
Am 3.September folgte die vorläufige Außerdienststellung. In den nächsten Monaten wurde das Schiff gründlich
instand gesetzt. Dies zog sich bis zum Frühjahr 1887 hin.
Die zweite Reise
"Iltis" sollte diesmal den Kreuzer "Nautilus" auf der ostasiatischen Station ablösen. Am 25.April 1887 stach man
wieder in See, nun unter dem Kommando von KptLt von Eichstädt. Am 7.Juli traf das Kanonenboot in Singapore ein. In
der Folgezeit verrichtete das Schiff wieder seinen normalen Stationsdienst.
Im Jahre 1888 wütete an der chinesischen Küste die Cholera. Da Tschifu hiervon weitgehend verschont geblieben
war, begaben sich die Kanonenboote "Iltis" und "Wolf", welchen sich ebenfalls in ostasiatischen Gewässern aufhielt,
hierher. Dennoch konnte nicht verhindert werden, daß die Krankheit auch die Schiffe übergriff. S.M.S. "Iltis"
verlor durch die Krankheit zwei Mann. Den folgenden Winter verbrachte das Kanonenboot in Tientsin, wo sich die
Mannschaft wieder erholte.
Inzwischen war Wilhelm II. zum Kaiser geworden, welcher ja bekanntlich mit Vorliebe maritime Interessen hegte.
Im Juni 1889 übernahm KptLt Ascher das Kommando. Er dehnte die Kreuzerfahrten weiter als bisher, bis hin nach
Korea aus und bald auch nach Japan aus. Letztere hatten speziell im Bereich ihrer Flotte beachtliche Fortschritte
gemacht. Im Jahre 1890 war das Schiff durch die überall verbreitete Cholera in seiner Bewegungsfreiheit aufs höchste
beeinträchtigt.
Der Winter auf 1891 wurde wieder in Tientsin verbracht. Im Sommer 1891 hielt sich das Schiff im Bereich des
Flusses Jangtsekiang auf. Hier war es zu Unruhen der chinesischen Bevölkerung gegenüber den hier lebenden Europäern
gekommen. Gemeinsam mit französischen, englischen und amerikanischen Kanonenbooten versuchte auch "Iltis" die Unruhen
zu beenden, deren Ursache damals nicht genau definiert werden konnte. Zu einem ernstlichen Eingreifen war das
Kanonenboot jedoch nicht gezwungen.
In November 1891 traf KptLt Müller ein und übernahm die Führung. In der Folge machte "Iltis" wieder seine
gewöhnlichen Kreuzerfahrten, da die Aufruhr unter den Chinesen wieder abgeklungen war.
Bereits nach einem Jahr übernahm im Oktober 1892 KptLt Graf Baudissin das Kommando. Den Winter verbrachte "Iltis"
erneut, wie auch das französische Kanonenboot "Lion", in Tientsin. Der Juni 1893 war durch ungewöhnliche Hitze
geprägt, wodurch es sogar zu einem Todesfall an Bord kam. Ein Maschinist erlag einem Hitzeschlag. Er wurde auf See
bestattet.
Im Sommer 1894 es zum Krieg zwischen Japan und China. Direkt nach Kriegsausbruch, am 25.Juli, versenkten die
Japaner den unter britischer Flagge fahrenden Dampfer "Kowsching". Dieser sollte chinesische Soldaten von Taku nach
Usan in Korea bringen. An Bord befand sich auch der ehemalige preußische Offizier von Hanneken, welcher inzwischen
chinesische Soldaten ausbildete. Der Dampfer hatte Taku mit 1220 Mann sowie einigem Kriegsmaterial noch vor der
Kriegserklärung verlassen. "Kowsching" wurde von vier japanischen Panzerschiffen zunächst torpediert und dann
beschossen. Von den an Bord befindlichen Personen konnten sich lediglich 221 retten, darunter auch von Hanneken. Er
konnte sich nach vier- bis fünfstündigem Schwimmen an Land retten. Da sich die meisten Chinesen auf eine kleine
Insel gerettet hatten, bat von Hanneken den in Chemulpo auf Reede liegenden "Iltis" diese zu retten. Am 29.Juli
verließ "Iltis" die Reede und fand am nächsten Tage die Schiffbrüchigen. Von ihnen mussten zunächst aus Platzgründen
100 Mann zurückgelassen werden. Die Geretteten wurden nach Tschifu gebracht, wo man am 1.August eintraf.
Ende des Jahres 1894 verließ "Iltis" die nordchinesische See und dampfte südwärts. Ende November kam in Schanghai
als neuer Kommandant KptLt Ingenohl an Bord. Den Winter verbrachte das Kanonenboot in den Gewässern um Schanghai
oder bei Flussfahrten auf dem Jangtse. Im Frühjahr 1895 ging es zurück nach Norden in die Gegend von Tschifu und
Tientsin. Im Juni verlegte das Schiff zur Insel Formosa. Diese hatten die Chinesen den im Kriege siegreichen
Japanern abtreten müssen. Die Übergabe war jedoch auf erheblichen Widerstand der Inselbewohner gestoßen. Diese
versuchten eine eigenständige Republik Formosa zu bilden.
Auch S.M.S. "Irene" und "Wolf" waren bereits in der Gegend. "Irene" hatte 25 Mann zum Schutze der deutschen
Konsuls nach Tuatutia abgegeben. "Iltis" und "Wolf" hielten sich in Tamsui auf. Nachdem die Japaner am 3.Juni
Kelung eingenommen hatten, flohen chinesische Soldaten scharenweise nach Tamsui. "Iltis" kümmerte sich in den
folgenden Tagen um die Sicherheit des Zollhauses von Tamsui. Am 1.Juni war hier der unter deutscher Flagge fahrende
Dampfer "Arthur" eingetroffen. Dieser war von der vorübergehenden Regierung in Formosa als Truppen- und
Waffentransporter gechartert worden. Auf diesen Dampfer war nun der vorübergehende und nun ehemalige Präsident mit
seinem Gefolge, sowie mehreren hundert chinesische Soldaten untergekommen. Obwohl diese Tatsachen dem Kommandanten
des "Iltis" nicht behagten entschied er, für die Sicherheit des deutschen Schiffes grundsätzlich zu sorgen, jedoch
Neutralität gegenüber den Vorgängen auf der Insel zu wahren.
Dem Kapitän des "Arthur" wurde von den zurückgebliebenen chinesischen Soldaten das Auslaufen verweigert, was sie
gedachten durch einige schwere Landgeschütze in einem Fort durchzusetzen. Als am 6.Juni auf "Arthur" geschossen
wurde und eine Granate im Salon einschlug, ohne zu krepieren, befahl KptLt Ingenohl dem Kapitän des "Arthur" seinen
Dampfer zurückzuziehen, um das Schussfeld für den "Iltis" freizumachen. Als der nächste Schuß aus dem Fort abgegeben
wurde erwiderte nun auch Iltis das Feuer. Die Entfernung betrug ca. 2500 m. Bis "Arthur" in Sicherheit war feuerte
"Iltis" insgesamt drei Schuß ab, von dene zwei im Fort einschlugen. Am 7.Juni traf auch "Irene" in Tamsui ein. Ein
weiteres Eingreifen war jedoch nicht nötig, da die Japaner inzwischen auch hier weitgehend die Kontrolle übernommen
hatten.
Der Untergang
Als letzter Kommandant des ersten "Iltis" kam im April 1896 KptLt Braun an Bord. Im Mai war dann "Iltis" noch
einmal im Dock, wobei sich zeigte, daß das Schiff in einem guten Zustand war.
Ende Juni kam plötzlich die Schreckensbotschaft nach Deutschland: "Der Iltis ist untergegangen!".
Was war passiert? Am frühen Morgen des 23.Juni 1896 hatte das Kanonenboot bei gutem Wetter den Hafen von Tschifu
verlassen.
Im Laufe des Tagen setzte Regen ein und Wind und Seegang nahmen zu. Um 16:30 Uhr wird das Schiff vom
Schantung - Leuchtturm aus gesichtet. Der Seegang wurde immer stärker und das Schiff nahm viel Wasser über und die
Sturmsegel wurden gesetzt. Die Maschine lief auf voller Kraft. Gegen 22:00 Uhr wurden alle Segel geborgen und die
Maschine zu diesem Zwecke gedrosselt. Der Kommandant wähnte sich inzwischen frei von Riffen. Etwa eine halbe Stunde
später ließen zwei starke Stöße das Schiff erzittern - es saß fest! Der Maschinenraum lief sofort voll Wasser und
die Kesselfeuer erloschen. der Sturm, der inzwischen die Stärke eines Orkans erreichte, hatte das Schiff auf ein
Felsriff getrieben. Von hier gab es kein Entkommen mehr. Schon nach kurzer Zeit brach das Schiff in der Mitte durch.
Kurze Zeit wurden beide Teile noch durch die Takelage zusammengehalten, wodurch sich einige noch auf das
Hinterschiff flüchteten. Wie sich bald zeigte, war dies ein schwerer Fehler, denn dieses kenterte wenig später. Nur
zwei Mann vom Hinterschiff konnten schwimmend das Land erreichen.
Am nächsten Tag scheiterten die Versuche durch die Bewohner des nächsten Dorfes die Überlebenden vom Vorschiff
zu bergen. Der Seegang war noch zu hoch.
Bei dem Unglück starben siebenundsiebzig Mann der Besatzung, darunter der Kommandant und alle Offiziere.
Lediglich elf überlebten.
Den deutschen Schiff S.M.S. "Arkona" kam in den folgenden Tagen die Aufgabe zu die Leichen zu bergen. In zwei
Wochen konnten 27 Leichen geborgen werden.
Das Wrack des Vorschiffes lag immer noch mit aufgerissener Steuerbordseite auf dem Felsen. Das Heck war völlig
zerstört und ragte nur noch wenig aus dem Wasser.
Somit endete die Geschichte von S.M.S. "Iltis" am "Flat Rocky Point" in Schantung.
Die aufgefundenen Toten wurden nahe der Unglücksstelle begraben und In Schanghai wurde ein Denkmal aus einem
abgebrochenen Schiffsmast errichtet.
Quelle: Sr.Maj.Kanonenboot "Iltis", Stephan Seibel Verlag, Altenburg 1905